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Wissenschaftliche Integrität als Haltungsfrage – Forschungstagebücher zur Förderung von Verantwortungsbewusstsein

Poster Nr. 404, Lernwelten-Kongress 2026, Dresden

Marc-Philipp Crepaz · Simone Davidsen · Heidi Schimatzek · Eva Jabinger
fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH

Ausgangslage

Professionelles Handeln in den Gesundheitsberufen erfordert eine Haltung, die von Integrität, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein geprägt ist. Diese Haltung beginnt nicht erst in der Berufspraxis, sondern wird bereits im Studium grundgelegt – insbesondere im wissenschaftlichen Arbeiten. Die zunehmende Verfügbarkeit generativer Künstlicher Intelligenz (KI) stellt Lehrende und Studierende vor die Frage: Wie kann eine verantwortungsvolle, integre Haltung gegenüber dem eigenen Wissenserwerb gefördert werden, wenn die Grenzen zwischen eigener Denkleistung und KI-generierten Inhalten zunehmend verschwimmen?

Wissenschaftliche Integrität wird damit zur Haltungsfrage, die über regelbasierte Kontrolle hinausgeht und Reflexion, Bewusstseinsbildung und professionelle Verantwortungsübernahme erfordert (Valkenburg et al., 2021).

Ansatz: das Forschungstagebuch als verpflichtender Bestandteil der Masterarbeit – verpflichtend im Grundsatz, frei in der Ausgestaltung.

Methodik: vom Datenmaterial zu den Dimension

Im Rahmen berufsbegleitender Masterstudiengänge an der fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol wurde das Führen von Forschungstagebüchern als verpflichtender Bestandteil der Masterarbeitserstellung implementiert. Die schriftlichen Rückmeldungen von 37 Studierenden wurden mittels der Gioia-Methodik (Gioia et al., 2013) ausgewertet. Die Analyse identifizierte vier Dimensionen: funktionale Aspekte (Dokumentation, Strukturierung, Reflexion), subjektive Wahrnehmung (Ambivalenz zwischen Wertschätzung und Belastung), praktische Umsetzung (Herausforderungen und Optimierungsbedarf) sowie übergreifende Auswirkungen und Transfer. Besonders bedeutsam ist die beobachtete dynamische Einstellungsentwicklung von anfänglicher Skepsis zu späterer Wertschätzung sowie der berichtete Transfer reflexiver Dokumentationspraktiken in den beruflichen Alltag der Gesundheitsberufe.

  • Setting: berufsbegleitende Masterprogramme, fhg Tirol; Forschungstagebuch als verpflichtender Teil der Masterarbeit (Führung obligatorisch, Ausgestaltung frei)
  • Stichprobe: schriftliche Rückmeldungen von 37 Studierenden (offene Leitfragen)
  • Auswertung: Gioia-Methodik (Gioia et al., 2013) – LLM-gestützt codiert und durch die Autor:innen manuell validiert
  • Validierung: Text-Netzwerkanalyse in InfraNodus als unabhängiger Referenzrahmen + Sentiment-Analyse(Paranyushkin, 2019)

Ergebnisse – 4 Erfahrungsdimensionen


Emotionale Bewertung

Zentrale Erkenntnis: ein dynamischer Einstellungswandel

Die Einstellung zum Tagebuch entwickelt sich dynamisch im Prozess. Berichtet wird zudem der Transfer reflexiver Dokumentationspraxis in den beruflichen Alltag der Gesundheitsberufe.

„Mir war nicht bewusst, wie heilsam das sogenannte ‚Journaling‘ ist.“


Learnings: Vierphasiges Begleitkonzept

nach dem Prinzip des Constructive Alignment (Albrecht et al., 2023)

Auf Basis der Ergebnisse wurde ein vierphasiges didaktisches Begleitkonzept entwickelt, das sich am Prinzip des Constructive Alignment orientiert (Biggs & Tang, 2011). Der Beitrag zeigt, dass Forschungstagebücher nicht primär als Kontrollinstrument, sondern als Werkzeug zur Entwicklung einer reflexiven, verantwortungsbewussten Haltung wirken können – eine Haltung, die über das Studium hinaus in die professionelle Praxis der Gesundheitsberufe transferiert wird.

PhaseLernzieleLernaktivitätenAssessment
1 · Einführung & MotivierungZweck und Nutzen verstehen; Relevanz für Integrität & KI; positive GrundhaltungZweck & Nutzen vermitteln; anonyme Beispiel-Tagebücher; Formatdiskussion (digital/analog)keine Bewertung; persönliche Zielformulierung
2 · Praktische Orientierungindividuelle Routine; Dokumentationsstrategien; KI-ReflexionVorlagen, Leitfragen, Peer-TandemsKurz-Feedback in der Betreuung
3 · Laufende BegleitungTagebuch als integraler Arbeitsbestandteil; Reflexion vertiefen; KI transparent dokumentierenReflexionssessions, Sprechstunden, themenspezifische Impulseprozessbegleitendes Feedback; Selbstreflexion
4 · Abschließende ReflexionGesamtprozess & Kompetenzentwicklung reflektieren; Defensio-Vorbereitungsystematische Durchsicht; „Lernbiografie“; AbschlussreflexionPortfolio; Reflexionsqualität statt Quantität

Grundprinzip: flexibles Instrument – Format, Medium, Frequenz und Umfang passen sich dem Arbeitsstil an. Auch die Begleitangebote (Vorlagen, Leitfragen, Peer-Tandems, Sprechstunden) sind Angebote, keine Auflagen.


Empfehlungen für die Praxis

  • Systematische Begleitung statt bloßer Anforderung
  • Nutzen klar kommunizieren – besonders für berufsbegleitend Studierende
  • Integration statt Addition in bestehende Seminar- und Betreuungsstrukturen
  • Flexibilität bei Format und Nutzung, Kernfunktionen wahren
  • Prozessorientierte Bewertung (Reflexionsqualität und Kontinuität, nicht Quantität)
  • Betreuende unterstützen (Schulung, Ressourcen, kuratierte Tools)

Limitation

Frühes Implementierungsstadium (Erhebung nach einem Semester) und erste Abschlüsse der zwei Kohorten · nur berufsbegleitende Masterprogramme · mögliche soziale Erwünschtheit · keine Kontrollgruppe.

Ergänzend: Die Gefahr der KI-Fälschung wird als gering eingeschätzt (der Aufwand einer „Doppelfälschung“ ist unverhältnismäßig; im Betreuungsgespräch durch Nachfragen identifizierbar).


Kernbotschaft/Fazit: 
Forschungstagebücher wirken nicht primär als Kontrollinstrument, sondern als Werkzeug zur Entwicklung einer reflexiven, verantwortungsbewussten Haltung – die über das Studium hinaus in die professionelle Praxis der Gesundheitsberufe transferiert wird. Es braucht ein Umdenken von einem kontroll- zu einem entwicklungsorientierten Verständnis wissenschaftlicher Integrität.


Literatur (Auswahl):

Albrecht, T., Neudert, M., & Offergeld, C. (2023). Vom Lernziel zur Prüfung: Constructive Alignment in der Aus- und Weiterbildung. Laryngo-Rhino-Otologie102(01), 55–65. https://doi.org/10.1055/a-1917-4998

Biggs, J. B., & Tang, C. S. (mit Society for Research into Higher Education). (2011). Teaching for quality learning at university: What the student does (4th edition). McGraw-Hill/Society for Research into Higher Education/Open University Press.

Gioia, D. A., Corley, K. G., & Hamilton, A. L. (2013). Seeking Qualitative Rigor in Inductive Research: Notes on the Gioia Methodology. Organizational Research Methods16(1), 15–31. https://doi.org/10.1177/1094428112452151

Paranyushkin, D. (2019). InfraNodus: Generating Insight Using Text Network Analysis. The World Wide Web Conference, 3584–3589. https://doi.org/10.1145/3308558.3314123

Valkenburg, G., Dix, G., Tijdink, J., & De Rijcke, S. (2021). Expanding Research Integrity: A Cultural-Practice Perspective. Science and Engineering Ethics27(1), 10. https://doi.org/10.1007/s11948-021-00291-z

Kontakt:

Marc-Philipp Crepaz · marc-Philipp.crepaz@fhg-tirol.ac.at· fhg – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol GmbH 

KI-Transparenz: Gemini 2.5 Pro (Codierung, EU-Instanz), InfraNodus Text-Netzwerkanalyse (TNA) und Sentiment, Claude (Anthropic, sprachliche Überarbeitung). Alle Ergebnisse von den Autor:innen geprüft.