TiQG im Tagungsband der AQ Austria Jahrestagung 2025: Im 20. Kapitel der Publikation „Integrität an österreichischen Hochschulen: Von der Theorie zur Praxis“ stellen Marc-Philipp Crepaz, Simone Davidsen und Eva Maria Jabinger Forschungstagebücher als konkretes Instrument zur Förderung wissenschaftlicher Integrität im Zeitalter generativer KI vor.
Ein Tagungsband, der Theorie und Praxis verbindet
In dieser Woche veröffentlicht die Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria (AQ Austria) den Tagungsband zur Jahrestagung 2025. Unter dem Titel „Integrität an österreichischen Hochschulen: Von der Theorie zur Praxis“ werden Beiträge zusammengeführt, die zentrale Fragen wissenschaftlicher Integrität aufgreifen – von Governance-Strukturen über Lehrformate bis hin zu konkreten Praxisbeispielen aus der österreichischen Hochschullandschaft.
Wir freuen uns, dass das die fh gesundheit – Zentrum für Gesundheitsberufe Tirol mit einem Beitrag aus dem Forschungs- und Lehrkontext der berufsbegleitenden Masterprogramme vertreten ist.
Wissenschaftliche Integrität im KI-Zeitalter: Warum es neue Instrumente braucht
Generative KI-Werkzeuge eröffnen neue Möglichkeiten in Studium und Forschung – sie erzeugen aber auch Graubereiche, die mit klassischen Kontrollinstrumenten wie Plagiatserkennungssoftware allein nicht zu fassen sind. Wo endet die eigene Denkleistung, wo beginnt der KI-generierte Text? Wie wird der Arbeitsprozess transparent? Und wie lässt sich ein kritisch reflektierter Umgang mit digitalen Werkzeugen im Studium nachhaltig verankern?
Der vorliegende Tagungsbeitrag argumentiert, dass wissenschaftliche Integrität im KI-Zeitalter weniger über Compliance-Mechanismen, sondern primär über Bewusstseinsbildung, Reflexion und Kompetenzentwicklung entstehen muss. Forschungstagebücher werden als Instrument vorgestellt, das genau diese Verschiebung – von Kontrolle hin zu Entwicklung – im Studienalltag praktisch umsetzbar macht.
Empirische Grundlage: Stimmen von 37 Masterstudierenden
Im Sommersemester 2025 wurden 37 berufsbegleitende Masterstudierende (Studiengang Qualitäts- und Prozessmanagement sowie MBA) zu ihren Erfahrungen mit dem Führen eines Forschungstagebuchs befragt. Die Auswertung erfolgte nach der Gioia-Methodik und führte zu vier Aggregatdimensionen, die das Bild abrunden:
- Funktionale Aspekte – Forschungstagebücher unterstützen Prozessdokumentation, Strukturierung und kritische Reflexion. Besonders relevant: die Möglichkeit, eigene Denkleistung gegenüber KI-generierten Inhalten sichtbar abzugrenzen.
- Subjektive Wahrnehmung – Die Rückmeldungen sind ambivalent: vom „unverzichtbaren Begleiter“ bis zum „erheblichen Mehraufwand“. Auffällig ist eine dynamische Einstellungsentwicklung – aus anfänglicher Skepsis wird über das Semester hinweg häufig Wertschätzung.
- Praktische Umsetzung – Regelmäßigkeit, Integration in den Arbeitsalltag und die Wahl des passenden Formats (digital/analog) sind die zentralen Stolpersteine.
- Übergreifende Auswirkungen – Studierende berichten von Transfereffekten in den Berufskontext: strukturierteres Arbeiten, geschärftes analytisches Denken und ein gestärktes Bewusstsein für kontinuierliche Reflexion.
Vom Befund zum Konzept: Ein vierphasiges didaktisches Begleitkonzept
Aus den empirischen Befunden und der Diskussion auf der AQ Austria Jahrestagung wurde ein vierphasiges didaktisches Begleitkonzept entwickelt, das konsequent dem Prinzip des Constructive Alignment (Biggs & Tang, 2011) folgt. Die Phasen reichen von der Einführung und Motivation im ersten Begleitseminar über die praktische Orientierung und die laufende Begleitung in der Hauptarbeitsphase bis hin zur abschließenden Reflexion und Portfolio-Präsentation.
Zentrale Gestaltungsprinzipien:
- Integration statt Addition – das Forschungstagebuch wird Bestandteil der Betreuung, keine isolierte Zusatzaufgabe.
- Scaffolding – initial stark strukturiert, mit zunehmender Freiheit im Verlauf.
- Prozessorientierte Bewertung – Fokus auf Reflexionsqualität und Kontinuität, nicht auf Quantität.
- Flexibilität in Format und Tool – OneNote, Notion, handschriftlich oder digitales Tagebuch: Studierende wählen, was zu ihrer Arbeitsweise passt.
Eine Haltung, kein Patentrezept
Der Beitrag macht deutlich: Forschungstagebücher sind kein Allheilmittel. Sie sind aber ein vielversprechendes Instrument in einem ganzheitlichen Ansatz, der wissenschaftliche Integrität nicht primär durch Kontrolle, sondern durch Bewusstseinsbildung und Kompetenzentwicklung fördert. Damit fügen sie sich in eine zentrale Botschaft des gesamten Tagungsbandes ein – Integrität entsteht weniger durch Regeln als durch eine geteilte Forschungskultur.
Genau in dieser Verbindung sehen wir am Studiengang den Mehrwert: Praxisinstrumente, die akademische Sorgfalt erfahrbar machen und gleichzeitig den Transfer in den beruflichen Alltag im Gesundheitswesen unterstützen.
Den Tagungsband lesen
Der vollständige Tagungsband der AQ Austria Jahrestagung 2025 steht auf der Website der AQ Austria zum Download bereit und an alle österreichischen Hochschulen versendet. Das Kapitel 20 „Forschungstagebücher als Praxisbeispiel zur Stärkung wissenschaftlicher Integrität im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“ von Marc-Philipp Crepaz, Simone Davidsen und Eva Maria Jabinger bietet sowohl die empirischen Befunde als auch das vierphasige Begleitkonzept im Detail.
Wir bedanken uns herzlich bei der AQ Austria für die wertvolle Zusammenarbeit sowie bei allen Studierenden der berufsbegleitenden Masterprogramme, deren Rückmeldungen die Grundlage dieser Arbeit bilden.